Warum gilt das Schultergelenk als besonders anfällig für Schmerzsymptome und das unabhängig vom Alter?
Es ist das beweglichste Gelenk im menschlichen Körper, was zu Lasten der Stabilität geht. Diese wird von den Muskeln und Sehnen gewährleistet, die die Schulter umgeben. Auf diese Strukturen können bei Überkopf-Sportarten extreme Belastungen wirken. Zudem ist die Funktionsweise des Schultergelenks, welches auch als Kraftübertragungsgelenk wirkt, von vielen Einflussfaktoren abhängig, so dass dort unterschiedlichste Krankheitsbilder und Schmerzsymptome, die sehr vielfältig sind, auftreten können.
Gibt es eine Risikogruppe, der man besondere Verhaltensregeln mit auf den Weg geben sollte? Oder kann es im Prinzip jeden treffen?
Im Prinzip kann jeder Mensch unter Schulterbeschwerden leiden. Jemand, der selten körperlichen Beanspruchungen ausgesetzt ist und die Hecke schneidet oder im Winter Schnee schippt, kann kurzfristig eine Überlastung mit entsprechenden Symptomen erfahren, die dann aber auch in absehbarer Zeit verschwinden, wenn die entsprechende Belastung vermieden wird. Akute Verletzungen treten häufig bei Unfällen oder extremen Krafteinwirkungen beim Sport auf. Zum Beispiel kann die lange Bizepssehne zerreißen oder die Schulter kann bei einem Skiunfall oder bei einem ähnlichen Sturz herauskugeln. Wenn es jüngere Sportler trifft, führt das oftmals zu einem operativen Vorgehen. Der deutlich häufigste Anteil sind chronische Überlastungen und Fehlbelastungen, wie sie sehr oft im Alltag bei Überkopf-Tätigkeiten beispielsweise bei Elektrikern, Kfz-Mechanikern, Frisören und ähnlichen Berufsgruppen vorkommen. Menschen, die einer Bürotätigkeit nachgehen, haben aufgrund einer Schonhaltung eine Fehlbelastung. Die Muskelstruktur und die Sehnen verändern sich, so dass hier ein Ungleichgewicht entsteht. Hier wird zunächst konservativ behandelt, indem man die Fehlbelastung evaluiert und versucht diese zu vermeiden. Darüber hinaus wird die Funktionsweise verbessert, indem man mittels krankengymnastisch angeleiteten Beweglichkeits- und Kraftübungen das empfindliche Gleichgewicht der Schultergelenkfunktion wiederherstellt und auch die Körperhaltung verbessert.
Den Begriff Schleimbeutelentzündung hat vermutlich jeder mal gehört. So manch einer kann sich unter Umständen jedoch nicht vorstellen, was das bedeutet. Was ist das häufigste Bild, dass Dir in der Praxis bei Freizeitsportlern bezüglich Schulterproblemen begegnet?
Eine Schleimbeutelentzündung entsteht häufig aufgrund eines Engpasssyndroms. Auch das verursacht zum Beispiel durch Fehlhaltungen bei Überkopftätigkeiten, die ein Einklemmen der Sehnenstrukturen herbeiführt. Sehr oft betrifft das die Supraspinatussehne, die für das Abspreizen und Außendrehen des Schultergelenks zuständig ist. Haben sich durch Verkürzung der Gelenkkapseln, durch ein nach vorne beugen der Schultern, durch Fehlhaltung sowie Schiefstellung der Brustwirbelsäule Fehlfunktionen eingestellt, so wird diese Sehne zwischen dem Oberarmkopf und dem knöchernen Schulterdach eingeengt. Der Schleimbeutel ist als solches eine Verschiebschicht, die das ungehinderte Gleiten fördern soll. Die permanente Reizung kann zu einer Entzündung führen, so dass sich Patienten zunächst mit einem belastungsabhängigen, später dann auch mit einem in Ruhe bestehendem Schulterschmerz in der Praxis vorstellen. Dieser strahlt meistens seitlich in den Oberarm aus.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Wenn es im Rahmen von akuten Überlastungszuständen, zum Beispiel in der häuslichen Gartenarbeit oder beim Sport, zu Schmerzen mit seitlichen Ausstrahlungen in den Arm kommt, sollten die Belastungen pausiert werden. Sollte sich der Zustand innerhalb weniger Tage oder sogar Wochen nicht deutlich verbessern, sollte ein Fachkollege aufgesucht werden. Bemerken die Patienten eine akute auftretende Kraftminderung des Armes, sollte in jedem Fall medizinische Hilfe gesucht werden, um Verletzungen auszuschließen. Das gilt auch und vor allem im Nachgang eines Sturzes, wo es zu Schwellungen kommen sollte. In dem Fall ist eine direkte Vorstellung ratsam, um so etwas wie Knochenbrüche oder ausgekugelte Gelenke auszuschließen.
Welche Ursachen für Schulterschmerzen kann es geben, die nicht aus der Schulter selbst entstehen?
Die häufigsten Differenzial-Diagnosen zu einem Schulterschmerz sind vornehmlich funktionelle Fehlbelastungen. Hier kommt es wegen einer schlecht beweglichen Brustwirbelsäule zu Fehlhaltungen der Schulter einhergehend mit ausstrahlendem Schmerz. Ernstzunehmende Differenzial-Diagnosen sind ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule, der ebenfalls einen ausstrahlenden Schmerz in den Oberarm sowie ein Karpaltunnelsyndrom im Bereich des Handgelenks hervorrufen kann. So gilt es, in einer sportmedizinischen Untersuchung auch immer sämtliche Gelenke des Körpers und deren Zusammenspiel zu analysieren, um begleitende Störfelder lokalisieren und mitbehandeln zu können.
Wenn jemand Schulterschmerzen, Schulterprobleme verschleppt: Welche Probleme können sich daraus ergeben?
Wenn Schmerzen ignoriert und die Überkopfbelastungen weiter ausgeführt werden, so kann es im Weiteren durch die chronischen Entzündungen wiederkehrende Abnutzung mit Einklemmung der Sehne zwischen den Knochen im weiteren Verlauf zu Einrissen der Rotatorenmanschette kommen. Hier zeigt sich als Kardinalsyndrom ein dauerhafter Schmerz einhergehend mit einer Kraftminderung für die entsprechende Sehne, wie schon bei dem Beispiel mit der Supraspinatussehne erwähnt. In dem Fall ist häufig eine operative Therapie in Form einer Arthroskopie – oder auch: Schlüsselloch-OP - nötig, um die Gelenkfunktion wiederherstellen zu können. Das zieht eine Nachbehandlung, die in der Regel sechs bis neun Monate dauern kann, nach sich..
Was kann man vorbeugend gegen Schulterprobleme tun?
Gerade im Freizeitsport ist eine Anpassung der Trainingsintensität bei Schmerzen ein wichtiger Faktor. So gibt es zum Beispiel Hobby-Tennisspieler, die mehrere Punktspiele an einem Tag durchführen, ohne die entsprechenden athletischen Voraussetzungen mitzubringen. Treten Schmerzen auf, ist es wichtig, nicht gegen diese Schmerzen anzutrainieren, um einen chronischen Verlauf zu vermeiden. Bei einseitigen Tätigkeiten und bei Bürotätigkeiten gilt es, in der Freizeit ein gezieltes Ausgleichstraining zu absolvieren, in dem der Schwerpunkt auf Übungen zur Verbesserung der Körperhaltung liegt und die rückwärtige Muskulatur – und vornehmlich die Schulterblatt stabilisierende Muskulatur und die Muskeln der Rotatorenmanschette, die den Oberarmkopf in der Pfanne zentrieren – zu kräftigen. Gleichzeitig sollten Beweglichkeitsübungen durchgeführt werden, so dass das Zusammenspiel der Wirbelsäule, der Schulter- und Ellenbogengelenke wieder harmonisch ist. Wir sehen in der Praxis, dass sich dank dieser Ausgleichsübungen viele Probleme mit der Schulter verhindern lassen.